Frontalunterricht, feste Sitzplätze, gleiche Aufgaben für alle – viele Klassenzimmer sind noch immer nach diesem Muster organisiert. Gleichzeitig wächst der Anspruch, Schülerinnen und Schüler individueller zu fördern, selbstständiges Lernen zu ermöglichen und dennoch Orientierung zu geben. Genau an dieser Stelle setzt das Churermodell an.
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Es versteht das Klassenzimmer nicht mehr nur als Ort des Unterrichts, sondern als Lernlandschaft mit vielfältigen Lernwegen. Dabei bleibt die Lehrkraft in ihrer steuernden und begleitenden Rolle klar verankert. Der Ansatz stammt vom Schweizer Pädagogen Reto Thöny aus Chur und hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend auch im übrigen DACH-Raum etabliert.
Lesen Sie in diesem Beitrag, wie das Churermodell den strukturierten Lerninput der Lehrkraft mit selbstständigem Lernen, soziale Interaktion mit individueller Förderung und eine bewusste Raumgestaltung mit klaren Lernzielen verbindet.
Inhalt
2. Welche Ziele verfolgt das Churermodell?
3. Die vier zentralen Elemente des Churermodells
3.1 Das Klassenzimmer neu denken – Sitzordnung als Lernwerkzeug
3.2 Input & Lernaufgaben im Kreis
3.3 Arbeiten mit Lernaufgaben
3.4 Freie Platz- und Partnerwahl
4. Welche Rolle spielen Kreise und Lernaufgaben?
5. Vorteile und Herausforderungen des Churermodells
6. Kritik und Grenzen des Churermodells
7. Churermodell und John Hattie – eine wichtige Einordnung
8. Raumgestaltung im Churermodell – Lernorte mit Funktion
9. Wie lässt sich das Churermodell nachhaltig umsetzen?
10. Lernen braucht Raum – das Churermodell bringt Struktur und Flexibilität ins Klassenzimmer
Welche Ziele verfolgt das Churermodell?
Das Churermodell verfolgt mehrere pädagogische Ziele, die sich gegenseitig ergänzen:
- Individuelle Förderung: Gezielte Unterstützung jedes einzelnen Kindes innerhalb der festen Klassengemeinschaft.
- Kooperatives Lernen: Förderung des bewussten Von- und Miteinander Lernens der Schülerinnen und Schüler.
- Integrative Begabtenförderung: Berücksichtigung unterschiedlicher Lernniveaus in gemeinsamen Lernsettings (statt Trennung nach Leistung).
- Stärkung der Sozialkompetenz: Gegenseitige Unterstützung, gemeinsames Erklären und die gemeinsame Entwicklung von Lösungen.
- Methodenmix statt Frontalunterricht: Schrittweise Reduzierung dominanter Lehrvorträge zugunsten offenerer Formen.
- Erhalt von Struktur: Vermittlung klarer Lernimpulse trotz offenerer Organisation.
- Rollenwechsel der Lehrkraft: Gewinnung von Zeit für Beobachtung und gezielte Begleitung der Kinder durch eine veränderte Organisation.
Die vier zentralen Elemente des Churermodells
Das Churermodell basiert auf vier miteinander verbundenen Elementen, die gemeinsam eine lernförderliche Struktur schaffen. Sie verändern nicht nur den Unterricht, sondern auch die Sitzordnung und Nutzung des Klassenzimmers grundlegend. Das Klassenzimmer wird zur Lernlandschaft, in der unterschiedliche Lernformen bewusst nebeneinander bestehen.
Das Klassenzimmer neu denken – Sitzordnung als Lernwerkzeug
Im Churermodell wird das Klassenzimmer bewusst umgestellt. Feste Einzelplätze werden aufgelöst zugunsten unterschiedlicher Lernorte: Plätze für konzentrierte Einzelarbeit, Bereiche für Partner- oder Gruppenarbeit, Kreisflächen sowie ein Beratungstisch.
Diese Vielfalt ermöglicht Perspektivwechsel, ohne Unruhe zu erzeugen. Schülerinnen und Schüler wählen ihren Lernort passend zur Aufgabe und lernen, diese Entscheidung reflektiert zu treffen.
Input & Lernaufgaben im Kreis
Gemeinsame Phasen sind im Churermodell fest verankert. Im Sitzkreis – häufig als Mittelpunkt des Klassenzimmers – stellt die Lehrkraft Lernziele und Lernaufgaben vor, erläutert Vorgehensweisen und schafft Orientierung. Dieser gemeinsame Einstieg sorgt dafür, dass alle wissen, was gelernt werden soll und warum.
Der Kreis dient nicht nur dem Input, sondern auch der Reflexion. Ergebnisse werden geteilt, Fragen geklärt und Lernprozesse gemeinsam betrachtet. So bleibt das Lernen im Klassenzimmer sichtbar und verbindlich.
Arbeiten mit Lernaufgaben
Herzstück des Modells sind Lernaufgaben, die unterschiedliche Zugänge erlauben. Sie sind so gestaltet, dass SuS auf ihrem jeweiligen Niveau arbeiten können – mit klaren Zielen, aber variablen Wegen.
Diese Aufgaben fördern selbstständiges Arbeiten, ohne die Lernenden allein zu lassen. Während die Kinder an verschiedenen Lernorten im Klassenzimmer arbeiten, beobachtet die Lehrkraft die Lernprozesse, gibt gezielte Impulse und unterstützt dort, wo es sinnvoll ist.
Freie Platz- und Partnerwahl
Ein zentrales Merkmal des Churermodells ist die freie Wahl von Lernort und Lernpartner. Die Sitzordnung ist damit flexibel und situationsabhängig. Diese Freiheit ist Teil des Lernprozesses: Schülerinnen und Schüler lernen, Verantwortung für ihr Lernen zu übernehmen und eigene Entscheidungen zu reflektieren.
Tipp: Das Churermodell lebt von Vertrauen. Geben Sie den SuS Zeit, unterschiedliche Lernorte und Arbeitsformen im Klassenzimmer auszuprobieren. Ihre Rolle besteht vor allem darin, aufmerksam zu beobachten, gezielt nachzufragen und Lernprozesse sichtbar zu machen – nicht darin, Entscheidungen zu lenken.
Welche Rolle spielen Kreise und Lernaufgaben?
Kreise und Lernaufgaben bilden im Churermodell das verbindende Element zwischen Struktur und Offenheit. Der Kreis schafft Gemeinschaft, Orientierung und Transparenz. Lernaufgaben übersetzen diese Orientierung in konkrete Handlungsmöglichkeiten.
Beide sorgen gemeinsam dafür, dass selbstständiges Lernen nicht beliebig wird. Schülerinnen und Schüler wissen, woran sie arbeiten, welche Ziele sie verfolgen und wie ihre Ergebnisse sichtbar gemacht werden.
Vorteile und Herausforderungen des Churermodells
Erfahrungen aus verschiedenen Schulen zeigen, dass das Churermodell sowohl für Lernende als auch für Lehrkräfte neue Chancen eröffnet – gleichzeitig aber auch neue Anforderungen mit sich bringt.

Diese Erfahrungen machen deutlich: Entscheidend ist nicht die perfekte Umsetzung, sondern eine schrittweise Entwicklung und die Bereitschaft zur Reflexion.
Kritik und Grenzen des Churermodells
Wie bei vielen offenen Unterrichtskonzepten wird auch das Churermodell kritisch diskutiert. Eine zentrale Herausforderung besteht darin, dass der plötzliche Wegfall von Frontalunterricht und fester Sitzordnung für manche Schülerinnen und Schüler zunächst überfordernd wirken kann. Die größere Freiheit erfordert ein hohes Maß an Selbstorganisation – eine Fähigkeit, die sich erst entwickeln muss und gezielte Begleitung braucht.
Eng damit verbunden ist die Sorge vor einem Verlust von Struktur und Orientierung. Kritiker befürchten, dass ohne feste Arbeitsplätze und klar vorgegebene Abläufe Unruhe entsteht und insbesondere Kinder mit hohem Bedürfnis nach klaren Ritualen und Führung Schwierigkeiten haben könnten. In diesem Zusammenhang wird diskutiert, ob das Churermodell für alle Lernenden gleichermaßen geeignet ist oder ob einzelne Kinder stärker unterstützt werden müssen, um nicht den Anschluss zu verlieren.
Auch in der Elternschaft ruft die Umstellung häufig Skepsis und Verunsicherung hervor. Viele Eltern sind selbst im klassischen Unterrichtssystem aufgewachsen und stellen die Frage, ob offene Lernformen ihre Kinder ausreichend auf weiterführende Schulen oder das Berufsleben vorbereiten. Diese Bedenken machen deutlich, wie wichtig transparente Kommunikation und nachvollziehbare Lernziele sind.
Nicht zuletzt betrifft die Kritik den Aufwand für Lehrkräfte. Obwohl das Churermodell langfristig entlasten kann, bedeutet die Einführung zunächst einen erhöhten Planungs- und Abstimmungsbedarf. Lehrkräfte müssen Lernaufgaben differenziert vorbereiten, Lernprozesse kontinuierlich begleiten und ihre Rolle neu definieren. Das erfordert Zeit, Erfahrung und kollegiale Unterstützung.
Zusammenfassend zeigt sich: Das Churermodell ist kein Selbstläufer. Ob es als Bereicherung oder als Überforderung erlebt wird, hängt maßgeblich von der konkreten Ausgestaltung, der pädagogischen Klarheit und der begleitenden Struktur ab.
Churermodell und John Hattie – eine wichtige Einordnung
Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie gehört zu den einflussreichsten Stimmen der empirischen Unterrichtsforschung. Grundlage seiner Arbeit ist die Studie „Visible Learning“ aus dem Jahr 2008. Darin wertete Hattie rund 800 Meta-Analysen aus, um herauszufinden, welche Faktoren Lernen besonders wirksam unterstützen.
2013 erschien die überarbeitete und ins Deutsche übersetzte Fassung unter dem Titel „Lernen sichtbar machen“, die die Ergebnisse für den deutschsprachigen Bildungsraum zugänglich machte. Mit „Visible Learning 2.0“ wurde 2023 eine Fortsetzung veröffentlicht, deren Datenbasis deutlich erweitert wurde: In die Neuauflage flossen die Ergebnisse von über 130.000 Studien ein.
Ein zentrales Ergebnis von Hatties Forschung ist, dass Lernen dann besonders wirksam ist, wenn Lernziele, Lernprozesse und Rückmeldungen für Schülerinnen und Schüler klar erkennbar und nachvollziehbar sind. Gleichzeitig warnt Hattie vor einer Überbetonung reiner Alleinarbeit. Lernende benötigen Orientierung, Feedback und eine aktive Begleitung durch die Lehrkraft.
Vor diesem Hintergrund lässt sich das Churermodell gut einordnen: Es kann Hatties Erkenntnisse aufgreifen, wenn offene Lernphasen mit klaren Lernzielen, gemeinsamen Reflexionen und gezielter Steuerung durch die Lehrkraft verbunden werden.
Raumgestaltung im Churermodell – Lernorte mit Funktion
Die Raumgestaltung ist im Churermodell kein dekoratives Element, sondern ein pädagogisches Werkzeug, das Lernprozesse sichtbar unterstützt. Unterschiedliche Lernorte im Klassenzimmer übernehmen jeweils eine klare Funktion und geben den Schülerinnen und Schülern Orientierung, ohne ihre Lernwege einzuengen.
Eine zentrale Rolle spielt dabei der Sitzkreis. Er bildet den gemeinsamen Ausgangspunkt für den Unterricht: Hier werden Lernziele eingeführt, Aufgaben erklärt, Ergebnisse reflektiert und Erfahrungen ausgetauscht. Sitzkreise schaffen Nähe, fördern Aufmerksamkeit und stärken das Gemeinschaftsgefühl. Insbesondere in den ersten Jahren der Grundschule kennen die Kinder den Sitzkreis aus dem Kindergarten noch. Dieses wichtige Element des Churermodells kann also auch zu einem für das Kind leichteren Wechsel von der Kita in die Grundschule beitragen. Während Sitzkreise in deutschen Grundschulen eher die Ausnahme sind, ist diese Unterrichtsform in der Schweiz schon stärker verbreitet.
Sitzkissen, Bodenelemente oder niedrige Sitzgelegenheiten unterstützen diese Form des Lernens, da sie flexibel einsetzbar sind und eine bewusste Abkehr von der klassischen Tisch-Stuhl-Ordnung ermöglichen.
Neben dem Sitzkreis braucht es strukturierte Lernorte für unterschiedliche Arbeitsformen. Ruhige Einzelarbeitsplätze ermöglichen konzentriertes Arbeiten, während Gruppentische den Austausch und das Lernen miteinander fördern. Ein fest etablierter Beratungstisch bietet Raum für Gespräche zwischen Lehrkraft und einzelnen SuS oder kleinen Gruppen – etwa zur Lernbegleitung oder zur Rückmeldung von Lernfortschritten.
Auch die Auswahl der Möbel trägt zur Wirksamkeit des Churermodells bei. Ergonomische Stühle, die Bewegung zulassen, unterstützen langes, konzentriertes Arbeiten ebenso wie offene Sitzformen. Offene Regale helfen dabei, Lernmaterialien übersichtlich bereitzustellen und selbstständigen Zugriff zu ermöglichen. So wird Lernen transparent und Materialien werden als Arbeitsmittel wahrgenommen – nicht als etwas, das nur auf Aufforderung genutzt wird.
Wie lässt sich das Churermodell nachhaltig umsetzen?
Ein großer Vorteil des Churermodells ist seine Niedrigschwelligkeit. Es erfordert keine vollständige Neuausstattung und kein radikales Umdenken von heute auf morgen. Viele Schulen beginnen mit kleinen Schritten: einem festen Kreisritual, neuen Lernaufgaben oder der Auflösung einzelner Sitzreihen.
Nach und nach entsteht so eine Lernlandschaft, die sich an den Bedürfnissen der Lerngruppe orientiert. Passende Möbel und durchdachte Lernumgebungen können diesen Prozess unterstützen, sind aber kein Selbstzweck.
Achtung: Das Churermodell ist kein Schnellrezept. Die Umstellung erfordert anfangs zusätzliche Zeit für Planung, Beobachtung und Abstimmung im Kollegium. Besonders wichtig sind klar strukturierte Lernaufgaben und transparente Lernziele. Nachhaltig wirksam wird der Ansatz dort, wo Unterricht schrittweise erprobt, gemeinsam reflektiert und kontinuierlich weiterentwickelt wird.
Lernen braucht Raum – das Churermodell bringt Struktur und Flexibilität ins Klassenzimmer
Das Churermodell zeigt, dass zeitgemäßer Unterricht kein Entweder-oder ist. Es verbindet Struktur mit Freiheit, Instruktion mit Selbstständigkeit und individuelle Förderung mit gemeinschaftlichem Lernen. Das Klassenzimmer wird dabei zu einem Ort, der Lernen ermöglicht, sichtbar macht und unterstützt – mit überschaubarem Aufwand und großer Wirkung.
Häufige Fragen zum Churermodell
Für welche Klassenstufen eignet sich das Churermodell?
Grundsätzlich für alle Schulstufen. Besonders verbreitet ist es in Grundschulen, lässt sich aber auch in weiterführenden Schulen anpassen.
Braucht man große Klassenräume?
Nein. Auch kleinere Räume lassen sich mit klar definierten Lernzonen und Möbeln im Sinne des Churermodells sinnvoll strukturieren.
Gibt es im Churermodell noch Frontalunterricht?
Ja, vor allem in Form gezielter, neuer Lernimpulse im Sitzkreis. Instruktion bleibt ein wichtiger Bestandteil.
Ist das Churermodell für alle Fächer geeignet?
Mit passenden Lernaufgaben lässt sich das Churermodell in vielen Fächern einsetzen – besonders dort, wo unterschiedliche Lösungswege möglich sind. Dazu zählen zum Beispiel Deutsch (Lesen, Schreiben, Sprachreflexion), Mathematik (Üben, Problemlösen), Sachunterricht, Fremdsprachen sowie kreative Fächer wie Kunst oder Musik. Auch in stärker strukturierten Fächern kann das Modell genutzt werden, wenn gemeinsame Lernphasen und individuelle Arbeitsphasen sinnvoll kombiniert werden.

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